Erlebnisbericht von Jürgen Müller – Die Vorfreude war dieses Mal sehr groß, da es mein 10. Einsatz beim 15. Moskau-Open ist. Getrübt und geplagt durch einen Bandscheibenvorfall machte ich mich von Donnerstag auf Freitag von Frankfurt mit dem Nachtflug auf den Weg. Geplante Ankunft 03:25 Ortszeit.

Wir kamen mehr als pünktlich an und die Maschine war nicht mal halb voll (das ist halt der Vorteil der Nachtmaschine).

02:57 landeten wir in SVO und ich lief zur Passkontrolle, nur 5 Minuten warten, hat auch schon mal 1,5 Stunden gedauert, zur Gepäckausgabe Nr. 8, aber das Band lief nichts, keine Koffer und auch keine Menschen da. Komisch!? Fazit der kurzen Suche: Nur wenige hatten wohl Gepäck aufgegeben und so stand das Band schon wieder still und mein Koffer lag neben dem Band, was ich natürlich erst beim ungläubigen umkurven des Bandes festgestellt hatte. UFF, Meldung über verlorenes Gepäck blieb mir erspart.

So stand ich 03:25 vor dem Gate und kein „Mr. Muller“ Schild war zu sehen. Der Expresszug fährt erst halb 6 in die Stadt, das ist der Nachteil des Nachtfluges, auch kein Bus.

Also warten auf meinen Taxifahrer. Der kam auch um 10 vor 4, was ja eigentlich normal und gut wäre … Nach 40 Minuten Fahrt durch das -13 Grad kalte Moskau war ich im Hotel Beta Izmailovo. Diesmal nicht im Hotel Cosmos.

Der nächste Schock! Ich bin hundemüde und die einzige Dame an der Rezeption spricht nur Russisch und macht mir irgendwie klar, das ich erst um 14:00 in mein Zimmer kann. Sie ist sehr freundlich, aber mit der falschen Message. Sie bekommt dann eine Englisch sprechende Dame ans Telefon die mir dann den Deal  vorschlägt einfach jetzt ein einfaches Zimmer zu nehmen und dann um 12:00 umzuziehen. Ok, ich wollte mich ja jetzt nur hinlegen und schlafen. Deal !

Kaum eingeschlafen, klingelte das Telefon und an der Tür klopfte es. Also zuerst das Telefon: Russisch und nicht verständlich, nur etwas von Wasser hatte ich verstanden… Also auf zur Tür, platsch, nasse Füße. Mir wurde nun klar was die Frau am Telefon meinte. Kurzum ich musste das Zimmer wegen eines Wasserrohrbruchs mit nassen Socken räumen und wurde in der Junior Suite im Stock 23 einquartiert. Hätte schlimmer kommen können. Dieses Upgrade darf ich nun die nächsten 11 Tage behalten. Böse? Nein warum! Ich bin nun das 11. Mal in Moskau, ich glaube mich kann nichts mehr überraschen.

Falsch gedacht. Dazu später! 12:00 ausgeschlafen, Papierkram an der Rezeption erledigt, Polizeianmeldung etc. Und ab zur Metro, da ich mich mit Olga Girya und Ihrer Mutter zum Besuch des Kreml verabredet hatte. Am Roten Platz aus der Metro ausgestiegen, kurz ins GUM zum Aufwärmen und warten auf die beiden Damen. Danach viel Laufen, der Kreml ist nicht so klein wie wir denken, und man kennt immer nur das eine Bild aus den Nachrichten. Flagge ist oben! Putin ist zu Hause, aber wir haben leider keine Zeit für die Welpolitik, also widmen wir uns den Sehenswürdigkeiten, und verzichten auf die Audienz bei Vladimir.

Sehr alte, wunderschöne orthodoxe Kirchen waren zu besichtigen, fotografieren innen verboten, also wenn ihr das einmalige hier sehen wollt, müsst ihr schon selber her fahren.

Zum Abschluss noch in die Waffenkammer. Bin kein Freund von Waffen, aber anständig wie ich bin folgte ich ohne Murren meinen beiden Gastgeberinnen. Waffenkammer? Nein, das Ding heißt nur so. Schatzkammer müsste das heißen. Natürlich auch Waffen, aber so reich und fein verziert… ohne Worte. Aber auch sonst, Gold Silber, Edelsteine auf Platten, Tassen, Pokalen und Sonstigem. Das sollte man gesehen haben genauso wie das Grüne Gewölbe in Dresden. Auch hier natürlich keine Fotos!

Dann noch ein kurzer Fußweg von 1 km bei gefühlten 20 Grad minus und eisigem Wind in ein uriges russisches Restaurant . Olga übernahm die Speisenauswahl für uns drei und jeder aß aus allen Töpfen, Schüsseln und Tellern. Alles lecker! Brötchen warm mit diversen Sachen drinnen, kalte Sülze mit rotem Meerrettich (das machen die roten Beeten, Russlands Nationalrübe, siehe Borscht), panierte Frischkäsekugeln und vieles mehr.

Gestärkt und gesättigt ging es nochmals zum roten Platz wo noch Weihnachtsmarkt und Eisskating aktiv waren. Olga nahm einen Glühwein, ich nicht, da ich ja dem Braumeister sein Sohn bin, ist das süße klebrige Zeugs nichts für mich. Ein wirklich großartiger Tag ging zu Ende. Ein letztes drücken zum Abschied, aber man sieht sich ja bald wieder in der Bundesliga.

Metro nach Izmailovo, ohne Umsteigen 15 Min. Keine Überraschung im Hotel, nach wie vor passt der Schlüssel zum Zimmer, nun hat auch mein deutsches Handy wieder Empfang. Überraschung! Die Eröffnungszeremonie wäre heute um 15:00 Uhr gewesen. Seit 2009 ist die immer am Samstag vor der 1. Runde. Also auch hiervon keine Bilder.

Aber da mir Darja Mikliaeva eine russische SIM besorgt hat, habe ich jetzt auch außerhalb des Hotels Empfang.

Tag 2 beginnt ohne Wasserrohrbruch, ganz normal. Frühstück habe ich klassisch verpennt, aber hatte ja noch alle Reste vom Abendessen eingepackt bekommen (Gegen meinen Widerstand) und so kochte ich mir Tee und aß die eingebackenen Sachen.

Ich freute mich ja schon auf mein Lieblingscafé „Coffee Bean“ an der Ecken zwischen der Uni RGSU und dem Tourist Hotel. Freundlich wie immer, wählte ich aus den 100 verschiedenen Kaffeesorten, meinen Cappuccino mit Vanille Extrakt und einem Sandwich. Was für ein Geschmack. Ich darf es nun 9 Tage genießen. Alleine wenn man den Damen und Herren zusieht wie sie mit der aufgeschäumten Milch die verschiedensten Muster in den Cappuccino zaubern, ist das eine Augenweide. Nein, keine Schablone oder so, Nein echte Handwerkskunst. Morgen frage ich mal, ob ich ein Video machen darf.

14:30, ab in die Uni, um 15:00 soll ich da sein. Bin natürlich eher da und siehe da, dieses Jahr spielen wir wieder im großen Saal mit 40 Brettern. Da bin ich als Hauptschiri eingeteilt, nicht bei den Frauen dieses Jahr.  Wir haben auch nur 16 elektronischen Bretter, keine 40, da die von der russischen Schachförderration an anderer Stelle gebraucht werden. Demnach auch nicht die ersten 6 oder 7 Frauenbretter im Saal. Ich bin fest davon ausgegangen, wieder bei den Frauen zu „richten“. Moskau-Open liebt und lebt von der Veränderung, und nix ist so wie im Jahr davor.

Ein Highlight hatte ich als Schiedsrichter an Brett 40. Als Schwarz im Zug15 nach einem Damenschach rochierte. Er war völlig überrascht, dass er nicht rochieren dürfe. Nach kurzer Erläuterung von mir, sah er es dann ein. Akzeptierte die 2 Minuten Zeitgutschrift für den Gegner, und dass nun berührt gefüht gilt und er mit dem König ziehen müsse. Das wiederum gefiel ihm auch nicht, was zu erneuter Diskussion führte. Sowas überrascht mich dann als Schiri schon, bei dieser Spielstärke.

Heute waren 21 Großmeister und 13 IM’s im Saal, FM’s weiß ich nicht mehr ganz genau, Eine WiM und zwei CM.

21:10 stellten dann auch die letzten beiden Spieler das Spielen für heute ein und ich machte mich auf den Heimweg!

Zur  WM wurde der äußere Metroring 14 gebaut, es ist eigentlich keine Metro, sondern eine S-Bahn. Fuhr ich früher von Izmailovo zur Uni 45 Minuten mit 2-Mal Umsteigen geht das jetzt Non-stop in 14 Minuten. Doch einen Stop musste ich einlegen, als ich auf einer Eisplatte ausrutschte und mich rücklings auf dem verschneiten Fußweg wiederfand. Die russische Dame, die mich vorher nach dem Weg fragte, half mir wieder auf und wir gingen gemeinsam bis zur Metro.          Turnierseite           Resultate

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