Dezember 7, 2022

Chess960: Die Harmonie der klassischen Ausgangsstellung

Eine Betrachtung von FM Dirk Paulsen Teil 2

Tatsächlich muss man, auch als erfahrener 960 Spieler, zugeben, dass die klassische Ausgangsstellung mit der maximalen Harmonie ausgestattet ist. Ob der Erfinder des Spieles Schach dabei nur Glück hatte oder ob die Logik ihn getrieben hat oder ob letztendlich die Einführung des Rochaderechts dafür gesorgt hat ist vielleicht offen, aber stimmen tut es dennoch.

Ein paar Gründe dafür genannt: die Türme sind schwerfällig und brauchen längere Zeit, um ins Spiel zu gelangen. Insofern „vernünftig“, diese in den Ecken zu platzieren.Man zieht die Randbauern auch meist nicht frühzeitig auf, um sie ins Spiel zu bringen sondern stellt stattdessen in Aussicht, Läufer, Springer und die Dame EINMALIG zu ziehen, sowie sein Recht zur Rochade zu nutzen, um die Türme zu verbinden und ab diesem Zeitpunkt, nach Abschluss der „Vollentwicklung“, zu den ernsthaften Kampfhandlungen überzugehen. Dieses System hat sich über Jahrzehnte, fast Jahrhunderte bewährt. Selbst wenn es heute erkennbare Bemühungen gibt – und teils von den Computern gestützt wird –, dass es auch anders geht: die meisten Spieler des klassischen Schachs werden sich im Wesentlichen an diese Anleitung halten – und dies sich auch weiterhin als sinnvoll erweisen.

Gesichert ist in der klassischen Ausgangsstellung, dass man mit dem Aufzug beider Zentrumsbauern den Läufern ebenfalls Zugang zum Spiel und vor allem zum Einfluss auf das Zentrum gewährt. Dies gelänge SOWOHL mit den Zügen Läufer f1 nach c4 und Läufer c1 nach f4 als auch Läufer c1 nach g5 und Läufer f1 nach b5. Denn: von c4/f4 aus werden direkt die Felder d5 und e5 ins Auge gefasst, und ebenfalls indirekt von g5 und b5 aus, von wo aus man nämlich in der Regel die nach f6 oder c6 entwickelten Springer als Angriffsobjekt ausmacht, welche ihrerseits die Felder e4, d5, d4, e5 (also kurzum: ALLE) überwachen, jedoch mit einem möglichen Abtausch der Läufer gegen die Springer der Einfluss final erledigt wird. Insofern sind nun Läufer (c4, f4, b5, g5) UND die Springer mit ihrem Einfluss bei natürlicher Entwicklung nach f3, c3, f6, c6 erwähnt. Sprich: sämtliche Leichtfiguren haben mit einem einzigen Zug die Möglichkeit, direkt Einfluss auf die Zentrumsfelder zu nehmen. Dies sorgt bereits für Harmonie, die zusätzlich verstärkt wird durch den Aspekt, dass die Springer auf verschiedenfarbigen Feldern stehen, insofern mit einem einzigen Zug eben auch verschiedenfarbige Zentrumsfelder in Augenschein nehmen.

Die Symmetrie der klassischen Ausgangsstellung trägt erheblich zum Harmonieempfinden bei. Türme in den Ecken, daneben die Springer, dann die Läufer, dann Dame und König, alles passt, symmetrisch, harmonisch.

Im Schach 960 kann einem da sozusagen alles passieren.

Zusammengefasst: im klassischen Schach stehen die Leichtfiguren quasi „optimal“ zur Entwicklung bereit. Auch die Türme tun dies, dank des Rochaderechts, welches einem die Verbindung der Türme – als erklärtes Ziel der Eröffnungsphase – mit diesem Sonderzug ermöglicht und zugleich den König in Sicherheit auf einem meist gut geschützten Außenfeld relativ zusichert, haben unmittelbar Zugang zu den dann häufig (und somit eben „klassisch“) geöffneten Zentrallinien.

Die innigen Verehrer des Spiels Schach 960 sollten jedoch nicht etwa behaupten, dass „jede Schach 960 Stellung gleichermaßen interessant und spannend ist und die Harmonie vielleicht zufällig mal hier höher, mal dort etwas geringer ist, aber eigentlich kein grundsätzliches Problem ist“, sondern sie sollten viel mehr anerkennen, dass der Novize recht hat: ja, die dir bekannte Stellung ist tatsächlich die mit der maximalen Harmonie. Dennoch heißt dies nicht, dass Schach 960 keinen Spaß macht. Dort hat man eben andere Aufgaben als unmittelbar und „wie gewohnt“ die paar Figuren raus bringen und rochieren muss.

Beispiel: die Türme. Diese stehen oftmals eben schon auf Zentrallinien. Dies heißt aber keineswegs, dass man auf die Rochade verzichten sollte oder müsste aber auch nicht, dass die Entwicklung des Turms bereits abgeschlossen ist, sobald man den vor ihm stehenden Bauern einmal aufgezogen hätte. Sie stehen irgendwo und man muss schauen, was man mit ihnen anfängt und inwieweit dies mit der Königsstellung in Einklang zu bringen ist. Die Harmonie ist womöglich nicht ursprünglich gegeben, die Aufgabe ist eher, diese herzustellen. Und es ist keineswegs der Gewohnheitsaspekt, der dafür verantwortlich ist.

Auch die Springer sind nicht immer „optimal“, „günstig“ oder „verschiedenfarbig“ platziert. Sollten die Springer beispielsweise auf e1 und c1 stehen, so hätten beide den Drang, das Feld d3 als „optimales Entwicklungsfeld“ anzustreben. Leider kann eben nur einer der beiden dieses Feld nutzen. Insofern wäre vorstellbar, dass man eine Figur gelegentlich mindestens zwei Mal ziehen MUSS, bis sie ihren „endgültigen Platz“ zugewiesen bekommt zum Abschluss der Entwicklung. Natürlich ein Problem an den gleichfarbigen Springern: sie würden nach jeweils einem einzigen Zug noch immer auf der gleichen Farbe stehen und somit tendenziell die gleichen Felder bedrohen oder betreten können, sich also weiterhin irgendwie „im Wege stehen“.

Zusätzlich könnten die Eckfelder für sie vorgesehen sein, wo man einfach feststellen muss: für Springer nicht wirklich geeignet. Man hat dort nur ZWEI mögliche Züge zur Verfügung. In der klassischen Ausgangsstellung sind es wenigstens schon mal drei. Sollte man allerdings einen Springer von b1 nach c3 stellen, dann hat er unmittelbar die Maximalanzahl von acht möglichen Zügen verfügbar. Zieht man jedoch einen Springer von a1 nach b3, dann hat er zwar gewaltige Fortschritte erzielt, aber doch fehlen ihm weiterhin zwei zur Maximalzahl von acht Möglichkeiten.

Sogar die Läufer sind speziell. Nicht nur die Eckläufer, die sozusagen den Entwicklungszug b2-b3, g2-g3, b7-b6, g7-g6 „vorschreiben“ (es sei denn, man zieht diesen Bauern zwei Felder vor), sondern auch Zentralläufer sind irgendwie etwas unhandlich. Sie stehen meist im Weg oder sind schwer, sinnvoll zu entwickeln.

Nur ist all dies zugleich Werbung für das Spiel. Denn: die Harmonie der klassischen Ausgangsstellung macht das Spiel ein wenig einfacher. Beim 960 muss man, je nach Ausgangsstellung, zunächst ein paar Vorkehrungen treffen, bis man sie in eine harmonische Stellung überführt hat.

3) Wozu habe ich die ganze Theorie gelernt?

Man muss einfach viele Punkte einsehen, warum der herkömmliche Schachspieler der Schachvariante 960 nicht unmittelbar zugeneigt ist. Hier wäre das Beispiel zu nennen: wozu habe ich die ganze Theorie gelernt? Jeder Schachspieler hat sich im Laufe seiner Karriere sicher recht erheblich mit den ersten möglichen Zügen beschäftigt. Man lernt eine bestimmte Eröffnung, man liebt eine bestimmte Aufstellung, man kennt eine bestimmte Zugfolge, die einem immer wieder (mal) Erfolg bringt. Man kennt einen bestimmten Trick, man weiß ganz genau: „Wenn er jetzt den macht, dann spiele ich den – und bin in meiner Lieblingsvariante.“ Es ist eine gewisse Form der Bequemlichkeit, die jedoch durchaus nachvollziehbar ist. Man hat etwas gelernt und gewisse, gute Erfahrungen gemacht – und soll dies alles nun über Bord werden, hinter sich lassen, für immer vergessen, aus dem Kopf streichen, sich von ihm trennen, auf unbestimmte Zeit und vermutlich sogar für immer. Das tut man ungern. Verständlich.

Dennoch auch hier der positive Blickwinkel: es gibt eine Menge Neues zu erlernen, zu entdecken, zu finden, zu bestaunen. Und natürlich vor allem: all dies neuerlich Entdeckte zieht die Lebensdauer des doch eigentlich und ursprünglich so geliebten Spiels Schach erheblich in die Länge, in der Welt der immer mehr Überhand gewinnenden Computer, welche nun doch tatsächlich bald jede interessante Eröffnungsidee bis zum 20. Zug ausanlayisert haben und nicht nur das, diese auch für die Weltspitze erlernbar und abrufbar gemacht haben.

Es gibt noch so viele Motive, Stellungen, Manöver, die man noch nie gesehen hat und die alle einen Sinn ergeben (könnten), dass man sich auch in der Charakteristik „Entdeckermentalität“ sehr wohl mal probieren kann und ihr vor allem etwas abgewinnen kann.

Schach 960 — das Spiel der Zukunft?!

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