Die „Remisseuche?!” – Eine Betrachtung von FM Dirk Paulsen

3 Antworten

  1. Klaus Beckmann sagt:

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    Das Schlechteste an den Übetragungen aus Saint Louis sind doch diese Kommentatoren (Yasser Seirawan, Jennifer Shahade & Maurice Ashley) mit ihren Kommentaren, die vor allem Maurice Ashley mit Hilfe einer Engine abgeben. Und immer wieder diese Behauptung, dass die Zuschauer angeblich Blut sehen wollen. Ich jedenfalls brauche das definitiv nicht, da ich mich auch über wunderschöne Kombinationen und ein fantastisches Stellungsverständnis, was die Teilnehmer dort so häufig unter Beweis stellen, freuen kann. Wenn es dann aufgrund der sagenhaften Fähigkeit, auch sehr schlechte Stellungen verteidigen zu können, Remis wird, mindert das meine Bewunderung für die Teilnehmer in keiner Weise. Eher das Gegenteil trifft zu, da diese Fähigkeit bei den Weltklassespielern nach meinem Empfinden in den letzten Jahren immer größer geworden ist und ich aus eigener Erfahrung weiß, wie extrem schwer es ist, schlechte Stellungen zu verteidigen.

  2. Dirk Paulsen sagt:

    Kommentar von Dirk Paulsen auf Facebook:

    Ich spiele seit knapp 50 Jahren Schach. Und eines hat mich meine ganze Karriere hindurch begleitet: die Bewunderung für die Leistung der so viel besseren Spieler, der absoluten Topspieler. Wobei es auch ausreichend viele Spieler gibt, die dort anklopfen, die es ebenso verdient hätten, die auch einen Großmeistertitel tragen aber nicht im Konzert der ganz Großen mitmischen (können oder dürfen?).
    In meinen Partien, auch gegen Schwächere, habe ich nicht selten nach der Partie einen Dank erhalten. Nicht nur, weil sie vielleicht eine “Lehrstunde” erhalten haben, auf dem Brett, sondern auch, weil ich die Partie gerne und mit jedem noch einmal durchgehe und mich nicht davon schleiche, weil ich “mit solchen Patzern” nichts zu tun haben möchte?! Auch habe ich häufig genug die Gegner gelobt für ihre Ideen oder ihre gewählten Züge. Sie hören es gerne, fühlen sich motiviert und vielleicht sogar ein klein wenig gestärkt für die nächste Partie. Was wäre das Problem daran? Dass ich mir so “einen Konkurrenten heranzüchte”, welcher mich alsbald überflügelt und mir Preisgelder wegschnappt?
    Als Beispiel nur vom Blitzturnier gestern Abend: einer meiner Gegner — am Ende wohl auf dem letzten Platz — stellt bereits nach wenigen Zügen eine Figur ein. Er spielte aber unverdrossen weiter und machte tatsächlich in der Folge gute Züge. Als ich ihm dies nach der Partie mitteilte, wollte er erst den Kopf schütteln und das Kompliment von sich weisen. Ich insistierte aber und er reichte mir ein weiteres Mal die Hand, hatte ein riesiges Lächeln im Gesicht wie vermutlich das ganze Turnier hindurch nicht und war irgendwie wirklich gerührt und dankte überschwänglich. Ich habe es ihm glaubhaft gemacht aber ich habe es auch wirklich so gemeint.
    Mein Eindruck ist, dass viele Menschen anscheinend neidisch sind auf andere, auf die allerbesten, dass sie nach Fehlern und Schwächen suchen, um sie auf ihr eigenes Niveau herunterzuziehen, um sich selbst ein klein wenig größer zu fühlen? “Schau mal, was Magnus Carlsen da gegen Anand übersehen hat. So ein grober Fehler! Und Anand nutzt das nicht einmal aus! Schau, die beiden kochen auch nur mit Wasser. DAS hätte ich auch noch hinbekommen, solche üblen Klöpse. Sooo gut sind die auch nicht.” Es wird immer nur nach Fehlern gesucht und dies für “spektakulär” verkauft. Eine Serie von perfekten Zügen? Scheint niemanden zu interessieren. Man wartet auf den einen einzigen Fehler — und zeigt dann mit den Fingern darauf.
    Diese Leute sind so unfassbar gut, dass man eigentlich den Mund beim Zuschauen nicht mehr zubekommt. Und die Stellungen sind alles andere als langweilig.

  3. Martin Rieger sagt:

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    Also ich kenne kein torreiches Fußball der Geschichte, von dem hinterher behauptet wurde, es sein ein sehr fehlerbehaftetes und deswegen eigentlich schlechtes Spiel gewesen, keines. Deswegen hinkt Dein Vergleich da schon mal gewaltig. An dieser Stelle möchte ich auf die grandiosen Fußballspiele Schalke-Bayern 1984 DFB Pokal (6:6), Deutschland gegen Brasilien WM 2014 (7:1) oder Brasilien gegen Holland WM 1994 (3:2) hinweisen, stellvertetend für viele weitere tolle, torreiche Matches (Quellle: http://www.xn--in-voller-lnge-gib.de/). Aufs Schach gemünzt: Auch ein Tal, ein Kasparov, ein Ljubojevic, ganz früher ein Morphy oder ein Tschigorin haben auch in ihren besten Partien Fehler gemacht und auch natürlich auch von den Fehlern ihrer Gegner profitiert. Von ihren besten und genialsten Partien hat kein Mensch hinterher behauptet, das Spiel sei langweilig weil fehlerbehaftet. Ganz im Gegenteil! Erst da, wo Fehler passieren, wo der eine nach vorne stürmt und alle Brücken hinter sich abreisst, da, wo der andere sich geistreich verteidigt, phantastische Endspiele produziert und beide Partner am Schachbrett ihr Bestes geben, erst da wird aus einer Partie oder einem Fußballmatch eine Legende die Zuschauer und Fans mitreisst und unvergessen macht. Nennt man zB. Karpov-Kasparov, 16.Partie 1985 oder Tal-Botvinnik 1.Partie 1960, weiß jeder halbwegs informierte Schachspieler, wovon die Rede ist. Fragt man aber nach der besten Partie im Zeitraum der letzten 15 Jahre, Fehlanzeige. Alles eine graue, zähe Masse an gesichts- und emotionslosen, im Vorfeld computergenerierten “Schachpartien”. Was mir immer wieder bei solchen Diskussionen auffällt: Sobald man sich erdreistet, über soche Partien das Urteil langweilig zu fällen, dauert es nicht lange und schon kommen die wahren “Experten” und “Schachästhetiker” aus ihren Verstecken und fallen über all jene Frevler das Urteil: unwissend, kein Sinn für das Schöne und Tiefsinnige, verstehen nichts vom Schach, unwürdig jeden weiteren Kommentars. Das kommt mir vor wie im Märchen über des Kaisers neue Kleider (Das Märchen handelt von einem Kaiser, der sich von zwei Betrügern für viel Geld neue Gewänder weben lässt. Diese machen ihm vor, die Kleider seien nicht gewöhnlich, sondern könnten nur von Personen gesehen werden, die ihres Amts würdig und nicht dumm seien. Tatsächlich geben die Betrüger nur vor, zu weben und dem Kaiser die Kleider zu überreichen. Aus Eitelkeit und innerer Unsicherheit erwähnt er nicht, dass er die Kleider selbst auch nicht sehen kann und auch die Menschen, denen er seine neuen Gewänder präsentiert, geben Begeisterung über die scheinbar schönen Stoffe vor. Der Schwindel fliegt erst bei einem Festumzug auf, als ein Kind sagt, der Kaiser habe gar keine Kleider an, diese Aussage sich in der Menge verbreitet und dies zuletzt das ganze Volk ruft. Der Kaiser erkennt, dass das Volk recht zu haben scheint, entscheidet sich aber, „auszuhalten“ und er und der Hofstaat setzen die Parade fort. Quelle:Wikipedia). Fakt ist, dass, zumindest in diesem Turnier, Antiwerbung für Schach produziert wurde bis auf ein paar wenige Ausnahmen. In St.Louis herrscht ja noch König Rex Sinquefield und ich traue mich zu behaupten, ist diese Geldquelle einmal am austrocknen und versiegen, werden die Herrschaften wohl oder übel wieder gezwungen sein, wirkliche Leistung zu erbringen.

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