Zwei unterschiedliche russische Meisterschaften

Dieses Titelbild gab es hier bereits, die Ergebnisse bzw. jedenfalls die Abschlusstbellen wurden erwähnt – aber diese Turniere haben noch etwas mehr Berichterstattung verdient. Warum oder in wiefern waren die Herren- und Damenturniere “unterschiedlich”? Den Eloschnitt meine ich natürlich nicht, das ist immer so. Das erklärt wohl auch, warum 1/2 in der Kreuztabelle der Herren deutlich öfter vorkommt – auf niedrigerem Niveau ist die Fehlerquote eben höher, und das führt zu mehr Partien mit Sieger(in) und Verlierer(in). Aber es gab andere Unterschiede vor und dann während dem Turnier:

Bei den Herren waren nur vier Spieler aus der russischen top10 vertreten – das war nicht immer so und auch so war es ein stark besetztes Turnier. Dabei waren nur zwei ehemalige russische Meister, wobei es bei Motylev lange her ist (2001). Wer fehlte warum? Nepomniachtchi, Grischuk (nur Schnell- und Blitzschach) waren in Saint Louis beschäftigt. Kramnik sagt ja “wenn überhaupt, dann spiele ich nur noch Schnell- und Blitzschach” – auch zu voll aktiven Zeiten hat er dabei bei Landesmeisterschaften nur sporadisch mitgespielt. Svidler sagte vielleicht “ich hab’ ja schon genug russische Meistertitel”. Dadurch und auch aus Gründen, die er selbst beeinflussen konnte, war Artemiev plötzlich recht klarer Elofavorit – aber diese noch ungewohnte Rolle liegt ihm offenbar nicht unbedingt.

Man konnte den Eindruck bekommen, dass niemand wirklich russischer Meister werden wollte, oder dass viele das anstrebten. Das Feld blieb dicht beieinander, und nach elf von elf Runden hatte einer knapp die Nase vorn – Endstand: Tomashevsky 7/11, Vitiugov, Matlakov, Inarkiev 6.5, Artemiev, Motylev, Predke, Alekseenko 5.5, Dreev 5, Fedoseev und Sarana 4.5, Jakovenko 3.5. Sieger damit Tomashevsky, wie zuvor 2015 in Chita. Wo war bzw. ist das denn? Ziemlich weit rechts unten auf der Russland-Landkarte nahe der Grenze zu China. Diesmal wurde in Votkinsk und Izhevsk gespielt, wo ist das denn? In der Republik Udmurtien, alles klar? Nun ja, vielleicht nicht – knapp westlich des Ural-Gebirges im südöstlichen noch-europäischen Teil von Russland. Der russische Schachverband will offenbar, dass seine Topspieler das Land kennenlernen – Moskau kennen wohl alle oder haben jedenfalls davon gehört, nicht nur die Teilnehmer der russischen Meisterschaften 2004-2012.

50% war für drei von vier Spielern ein normales bis gutes Ergebnis, für Artemiev war es natürlich kein gutes Ergebnis. 3.5/11 war für Jakovenko kein gutes Ergebnis, er hat sich nun jedenfalls aktuell aus dem Club 2700+ verabschiedet – da war er seit 2007 Dauermitglied, wenn auch manchmal Wackelkandidat.

Das sind alle zwölf – natürlich nicht nach Endstand sortiert, das war ja zum Zeitpunkt der Auslosung noch nicht bekannt. Alle Fotos vom russischen Schachverband. Er hat auch viele Spieler(innen) individuell fotografiert, aber ich zeige nur eine eher kleine Auswahl der verfügbaren Bilder.

Bei den Damen war die top10 fast komplett dabei – neben Galliamova fehlte nur die zuletzt eher sporadisch aktive Lagno. Alle russischen Meisterinnen der letzten acht Jahre waren dabei – insgesamt vier Namen. Davor hatte Galliamova zweimal gewonnen, auch sie ist inzwischen nicht mehr allzu aktiv. Davor gewannen die Kosintsevas – Name und Vornamen (Nadezhda und Tatiana) nur denjenigen ein Begriff, die die Schachszene schon länger verfolgen. Diesmal gewann mit Olga Girya eine Spielerin, die das trotz vieler Anläufe noch nie geschafft hatte. Sie schien zu dominieren, und dann wurde es doch noch spannend inklusive Stichkampf um den Meisterinnentitel.

Endstand: Girya 8/11 + 2/3, Pogonina 8/11 + 1/3, Goryachkina 7.5, Gunina 7, Potapova und Kashlinskaya 6, Kosteniuk 5.5, Charochkina 5, Bodnaruk und Suvalova 4, Tomilova 3, Shafigullina 2. Elo-Favoritin Goryachkina blieb als einzige ungeschlagen, aber gewann nur vier Partien – eine zu wenig für jedenfalls Stichkampf um den Turniersieg. Am digitalsten spielte nicht Gunina (zwei Remisen wie auch Charochkina) sondern Kosteniuk: nur ein Remis gleich zu Anfang gegen Goryachkina, nach 85 Zügen. Danach allerdings – je nachdem wie man es definiert – zu wenige Siege oder zu viele Niederlagen für ein Elo-akzeptables Ergebnis.

Das sind alle zwölf Damen – nicht nur (später) auf dem Schachbrett, auch auf dem Gruppenfoto machten sie es bunter als die Herren.

Und nun nur ein paar Bemerkungen zu den Turnieren – Men first, schliesslich ist das das höhere Eloniveau. Die erste Zwischenbilanz bei Halbzeit bzw. kurz danach: Sechs (6) Spieler, also 50% von 12, hatten zu diesem Zeitpunkt 3.5/6 – Alekseenko, Inarkiev, Predke, Vitiugov, Tomashevsky und Matlakov. Die drei zuerst genannten hatten neben zwei Siegen bereits eine Niederlage, die drei anderen hatten ungeschlagen +1. Vier waren dann auch am Ende (fast) ganz vorne, die beiden anderen fielen durch Niederlagen in der letzten Runde zurück.

Ein Fotomoment aus Runde 8:

Einer der besseren Tage für Artemiev, später beendete 36.Df7# seine Partie gegen Fedoseev. Zuvor ein Sieg gegen Alekseenko und dann eine lange Rochade – drei Niederlagen in Serie gegen Dreev, Vitiugov und Tomashevsky. Später dann noch ein Sieg in der vorletzten Runde gegen Inarkiev – der Elofavorit hat immerhin indirekt in den Titelkampf eingegriffen! Gegner Fedoseev hatte ja schon mal einige Zeit Elo (deutlich) über 2700, momentan sind es 2671 bzw. nach diesem Turnier noch etwas weniger.

Wer ist in Russland König der Prinzen bzw. wäre es, wenn man sie als Jungtalente nach deutschem Muster so benannt hätte? Nach aktuellem Stand Artemiev – natürlich nicht nur wegen dieser Partie, und russische Schachexperten hatten ihn offenbar als den talentiertesten bezeichnet (der dritte im Bunde wäre Dubov).

Gewonnen hat ja später Tomashevsky, deshalb wird er nochmal individuell fotografiert. Zum Fotozeitpunkt war es aber noch nicht bekannt, und der russische Schachverband hat praktisch alle mal individuell abgelichtet.

Nur noch zu den drei letzten Runden, zwei eher im Schnelldurchlauf: In Runde 9 schloss Inarkiev zur Spitze auf, warum? Weil Gegner Sarana tief im Turmendspiel übel patzte: nach 67.-Td2+ war 68.Kf1 simpel remis, 68.Kg1 war auch remis, das gespielte 68.Ke1?? jedoch nicht. Weiß hatte sich vielleicht auf anschliessende Pattmotive verlassen, aber der Gegner musste da nicht mitmachen.

Tags darauf verlor Inarkiev dann gegen Artemiev, das hatten wir bereits. Dieses Turmendspiel war für Schwarz mit zwei Mehrbauern gewonnen, da sie nicht verdoppelt sondern verbundene Freibauern waren. Predkes Sieg gegen Fedoseev war ebenfalls turnierrelevant, Stand vor der letzten Runde nun: Tomashevsky und Vitiugov 6, Inarkiev, Alekseenko, Matlakov, Predke 5.5, usw. – immer noch hatten sechs Spieler Titelchancen, ein Stichkampf war durchaus möglich bis wahrscheinlich und dann kam es anders:

Inarkiev gab mit Schwarz gegen Dreev Vollgas – Engines gefiel sein Konzept nicht, aber am Ende meisterte er die Verwicklungen besser. Im 23. Zug verpasste Weiß die Chance auf Vorteil, im 25. Zug fand er nochmals nicht den besten und nun ging es seinem Zentralkönig auf d3 an den Kragen – nach 29 Zügen war Schluss. Einen Zug länger brauchte Matlakov für seinen Sturmsieg gegen Predke, er stand dabei nie schlechter.

Diese beiden Sieger haben Vitiugov eingeholt, der sich gegen Sarana mit Remis begnügen musste. Aber da war noch Tomashevsky, der zusammen mit seinem Gegner Alekseev quasi eine Partie aus dem Damenturnier tags zuvor kopierte. Weiß (Tomashevsky) hatte vernichtenden Königsangriff, machte den Sack jedoch nicht zu und landete in einem besseren Turmendspiel. Besser war es offensichtlich, war es auch gewonnen? Sobald allwissende Tablebases (Lomonosov, der im Gegensatz zu Nalimov auch sieben Klötze beherrscht) sich einmischen (bzw. jedenfalls mich unterstützen) konnten, sagten sie einen halben Zug lang “remis”. Aber Alekseev fand den schmalen Pfad zum Remis, beginnend mit 58.-Th7! (nur so) nicht, und damit war ein Stichkampf mit vier Spielern hinfällig und Tomashevsky stattdessen russischer Meister.

Ob die drei anderen zufrieden waren “sagt” das Foto nicht unbedingt, jedenfalls wurden sie gemeinsam mit Tomashevsky fotografiert.

Und nun zu den Damen: Nach acht Runden hatte Girya 7/8 – viel mehr geht nicht – und damit anderthalb Punkte Vorsprung auf die ersten Verfolgerinnen Pogonina und Kashlinskaya.

Dieses Foto stammt aus Runde 6 vor Rundenbeginn. Dieses strahlende Lächeln hat Girya oft – noch konnte sie nicht wissen, dass Gegnerin Gunina später (wohl unbeabsichtigt) gönnerhaft war. Girya hatte im Schwerfigurenendspiel zwar einen Mehrbauern, aber der war angesichts aktiver schwarzer Figuren nicht gewinnträchtig. Dann entkorkte Gunina 29.-Txf2?? – was nur dann (im Sinne von Dauerschach) funktioniert, wenn Weiß den Turm sofort nimmt. Nach dem “Zwischenzug” 30.Dxe4 SCHACH (30.-Txe4 und nun 31.Txf2 oder auch 31.Kxf2) gab sie auf.

Pogonina zeige ich auch, schliesslich sollte sie – das weiss der Leser bereits – doch noch einen Stichkampf um den Turniersieg erreichen.

In Runde 9 machten Pogonina und Kashlinskaya mit einem Remis gegeneinander Fortschritte relativ zu Girya, die im Leichtfigurenendspiel gegen Goryachkina daneben griff und verlor. Tags zuvor hatte übrigens Kosteniuk durch Sieg gegen Pogonina quasi indirekt in den Titelkampf eingegriffen.

Immer noch hatte Girya einen Punkt Vorsprung auf nun drei Verfolgerinnen – neben Pogonina und Kashlinskaya auch Goryachkina. Girya remisierte ihre beiden letzten Partien, in der Schlussrunde gegen Potapova nach theoretisch bekannten Mustern in 14 Zügen plus Zugwiederholung. Das war Weltklasseniveau, hochkarätigste Vorgänger Topalov-Anand und Ivanchuk-Carlsen. Kashlinskaya fiel mit zwei abschliessenden Niederlagen noch recht weit zurück. Goryachkina erzielte nur 1.5/2 aus den letzten beiden Runden und war mit dem Remis gegen Charochkina sehr gut bedient – das war die vorgezogene Parallele zu Tomashevsky-Alekseev: Charochkina hatte vernichtenden Königsangriff und konnte diesen abschliessen – nach 62.Db7+ Kh6 63.Te7 droht Th7# und das kann Schwarz nicht sinnvoll parieren: weit und breit kein Dauerschach, nicht einmal ein einziges Schachgebot (ausgenommen Racheschachs mit Damenverlust). Stattdessen der Übergang in ein Turmendspiel mit a- und c-Mehrbauern, das ist mal Tablebase-gewonnen und mal nicht. Feinheiten verstehe ich nicht unbedingt und diskutiere sie daher nicht, am Ende hatte Schwarz eine wirksame Pattverteidigung.

Aber da war noch Pogonina, die ihre beiden letzten Partien gewann und damit einen Stichkampf gegen Girya erreichte:

Gab es das bereits? Ja, bei den russischen Meisterschaften 2018. So nahe am Titel war Girya also schon einmal, aber damals verlor sie diesen Stichkampf (0.5-1.5 aus ihrer Sicht). Diesmal wurde es noch spannender: Die erste Partie gewann Girya im Königsangriff, da Pogonina kurz vor Schluss die Übersicht (und/oder die Nerven?) verlor. Aber nun hatte Pogonina Weiß und schaffte den Ausgleich, also Armageddon. Und da konnte Girya sich mit Weiß durchsetzen – am Ende im Leichtfigurenendspiel, dass Pogonina da eine Figur einstellte war bereits nicht mehr partieentscheidend da die Entscheidung schon zuvor gefallen war.

Einen Schreckmoment musste Girya zuvor überstehen, falls sie es im Eifer des Gefechts überhaupt (aber zu spät) realisiert hatte: 26.Lg3?? erlaubte im Prinzip 26.-Dxc3! – da stand ein Springer, und der ihn scheinbar verteidigende Bauer auf b2 war gefesselt. Insgesamt wäre es aus schwarzer Sicht zwei Figuren für einen Turm – sollte zumindest im Remissinne (und Remis reicht Schwarz ja) reichen. Aber Pogonina hat es nicht, oder ebenfalls erst zu spät gesehen.

Was machen Damen nach derlei Aufregungen? In diesem Fall erstmal zurück aufs Hotelzimmer und neue Garderobe wählen:

Neben Girya und Pogonina wurden auch Gunina und Goryachkina fotografiert – nicht damit sich Farbe lohnt sondern weil sie eben die Plätze drei und vier belegten.

Und dann stieg der Altersschnitt auf der Bühne, wobei der Eloschnitt vermutlich sank – auch wenn in Russland auch Taxifahrer, Marktfrauen usw. oft Ahnung vom Schach haben.

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